E-Scooter – Hype oder Innovation?

Die Sicht von PROJECT CLIMATE auf das neu zugelassene Verkehrsmittel

Seit dem 15.06 ist die Verordnung für Elektrokleinstfahrzeuge in Kraft getreten und hat damit eine Medienflut an ersten Datenanalysen, Kritiken, Kaufempfehlungen und Prognosen in Gang gebracht. In diesem Artikel wollen wir einen kurzen Überblick über die wichtigsten Fakten geben, auf einen datengetriebenen Debattenbeitrag hinweisen sowie die Sicht von PROJECT CLIMATE auf die aktuellen Diskussionen aufzeigen.

Fakten

Die Verordnung betrifft die neu zugelassenen Gefährte mit den unterschiedlichen Bezeichnungen wie E-Scooter, Elektrostehroller, City-Roller, Elektrotretroller u.v.m. Hierbei handelt es sich um elektrisch angetriebene Gefährte, deren maximale Leistung 500 W sowie maximale Geschwindigkeit 20 km/h betragen darf. Sie haben eine durchschnittliche Reichweite von 30 km und können an der Haushaltssteckdose aufgeladen werden. Das Gesetz für Elektrokleinstfahrzeuge legt fest, dass jedes Gefährt zwei unabhängig voneinander funktionierende Bremsen an der Lenkstange, Licht an der Vorder- und Rückseite, eine Klingel und seitliche Reflektoren haben muss. Dafür erteilt das Kraftfahrtbundesamt eine sogenannte Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE), die für jedes Gefährt Pflicht ist. Zusätzlich besteht für jeden E-Scooter eine Versicherungspflicht, die – ähnlich wie bei Mofas – in Form einer Versicherungsplakette angebracht werden muss. Fahren darf man einen solchen E-Scooter ab Vollendung des 14. Lebensjahres und zwar auf Radwegen. Ist kein Radweg vorhanden, muss die Autospur, möglichst weit rechts, mitgenutzt werden. Busspuren und Gehwege sind für E-Scooter verboten.

Angebot

Momentan sind die E-Scooter vor allem über Sharing-Dienste auf dem Markt und erweitern das Stadtbild deutscher Großstädte. Für einen ersten Überblick, wer den Markteintritt wo gewagt hat und wie die Entwicklung innerhalb der ersten zwei Wochen verlief, hat Civity, eines der führenden Beratungsunternehmen im öffentlichen Sektor, am 27. Juni 2019 einen datengetriebenen Debattenbeitrag erstellt.

Kritik

Wie bei allen Neuheiten sind die Stimmen der Kritiker anfänglich besonders laut. Die meisten Befürchtungen betreffen einen vermuteten Anstieg der Unfallraten. Gründe dafür seien vor allem die Notwendigkeit vor dem Abbiegen die Hand vom Lenker nehmen zu müssen sowie die Regel, dass E-Scooter sich eine Spur mit Autos und LKWs teilen müssen. Entweder führt laut Kritiker die Nutzung der Autospur oder das unerlaubte Ausweichen der E-Scooter auf Gehwege vermehrt zu Unfällen. Aufgrund anderer Sharing-Erfahrungen im Ausland befürchten Gegner der neuen Gefährte zudem Elektroschrott-Berge auf den Straßen sowie eine Kannibalisierung des ÖPNV. Auch von einer kurzen Haltbarkeit der Roller ist die Rede, welche sich deutlich auf die Nachhaltigkeitsbilanz auswirken würde und ggfs. mitbewertet werden muss.

Unter den vielen Kommentaren sticht vor allem die auf echten Zahlen aufbauende Bewertung von Civity heraus. Civity schreibt, dass mit den E-Scootern im Durchschnitt 1,8 bis 2,8 km zurückgelegt werden, was genau die Lücke zwischen Fuß- (0,9 km) und Radstrecken (3,4 km) schließt und damit begrüßenswert ist.

Bewertung

Das große Ausmaß an Kritiken und Debatten ist normal für die Einführung eines neuen Verkehrsmittels – man kann nicht davon ausgehen, dass von Anfang an alles „glatt läuft“. Inhaltlich sollte man insbesondere die Warnung vor Unfällen erst nehmen. Die Ursache der Unfallgefahr ist aber aus unserer Sicht nicht die Anwesenheit der Roller, sondern der ohnehin schon mangelnde Platz für Fahrradwege und die einseitige Ausrichtung der städtischen Infrastruktur auf den Autoverkehr. Fazit 1: Mehr Platz für bessere Fahrradwege, weniger Platz für Autos, dann können die E-Scooter zur Verkehrswende beitragen.

Momentan reden alle über Roller-Sharing in Großstädten. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Befürchtungen von Elektroschrottbergen in Rollerform am Straßenrad bewahrheiten. Wenn die Roller tatsächlich schnell kaputt gehen und dann die Innenstädte „vollmüllen“, haben sie auf diese Weise keinen Platz im Mobilitätsmix. Andererseits: Fahrrad-Sharing funktioniert seit Jahren gut. Warum sollte man das nicht auch mit Rollern hinbekommen?

Ohnehin sehen wir das größte Potential der neuen Gefährte auf der sogenannten „letzte Meile“ ergänzend zur Nutzung des ÖPNVs. Eine große Nutzergruppe könnten die Personen sein, deren Arbeitsplatz z.B. gut über den ÖPNV angebunden ist, deren Wohnort sich jedoch wenige Kilometer von der nächstgelegenen Haltestation entfernt befindet (oder andersherum). Wie schon von Civity durch Zahlen belegt, ist das eine Entfernung, die für einen täglichen Fußweg zu weit und je nach Steigungsverhältnissen und Abstellmöglichkeiten für ein Fahrrad ungeeignet ist, mit einem E-Scooter jedoch komfortabel und schnell zurückgelegt werden kann. Fazit 2: Unsere Hoffnung ist, dass durch den Privat- bzw. Arbeitgeberbesitz von E-Scootern die Lücke zwischen Wohn- bzw. Arbeitsort zum ÖPNV durch ein klimafreundliches Mobilitätsangebot weiter geschlossen werden kann und der Umstieg vom Auto auf klimafreundliche Verkehrsmittel unterstützt wird.